Kessel und Züger Architekten

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    Pavillon auf dem Schulhof der
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White Cube Black Box

Architektur mit Schülern

Fliegende Bauten, Displays und Verhandlungen –
von der Architektur der Ausstellungen

Parallel zur Realisierung eines Projektes, nicht selten bereits vorher, wächst auch ein Gedankengebäude mit: der Aufbau des Konzepts. So sind auch in unserem Projekt zwei Architekturen gewachsen und haben einander wechselseitig geformt: unser Nachdenken über die Form der Ausstellung und ihre tatsächliche Realisierung. Im Rückblick auf die ersten drei Phasen des Projektes "White Cube/Black Box" lässt sich nun auch das Gedankengebäude betreten. Drei große Räume sind hier zu besichtigen. Sie sind den drei großen Themen gewidmet, die sich aus unserer Bauaufgabe ergaben: die Container als Hülle von drei verschiedenen Ausstellungsthemen, die Präsentation und der Parcours durch die jeweilige Ausstellung sowie schließlich das Arbeiten im Prozess.

Container als moderne Urhütte
Es galt, für die drei temporären Ausstellungen und deren Architektur einen möglichst neutralen Rahmen zu finden, der so unheroisch wie möglich, gleichzeitig so witterungsfest wie nötig sein musste.
Die drei Standard-Mietcontainer, für die wir uns als Baumaterial und damit natürlich zugleich auch für eine Form entschieden haben, stellen jenseits dieser Pragmatik auch so etwas wie die moderne Urhütte dar. Sie stehen im globalen Amazonas der Amazon-Gesellschaft für die totale Austauschbarkeit. Die Container nehmen es mit allem auf und nehmen alles in sich auf, vom Kindergarten-Provisorium bis zum Behelfs-Krankenhaus.
Container werden vor allem zum Transport jeglicher Dinge eingesetzt. So sind sie eine zeitgenössische Ikone für Austausch und Austauschbarkeit, eine maximale architektonische Hohlform.

"White Cube/Black Box" sollte direkt vor Ort an den beteiligten Schulen sichtbar sein und funktionieren. Die bewusste Entscheidung, dieses Projekt nicht als Appendix zum Kunsthaus zu denken, sondern an der Schule eine neue räumliche Situation zu schaffen, stellte das Projekt vor eine besondere Herausforderung. Um hierfür einen Vorschlag zu machen, wurden wir als Architekten eingeladen. Über seine Funktion hinaus sollte der Raum selbst verhandelt werden und im Einklang mit den Bedürfnissen der Teilnehmer/innen und den Anforderungen der jeweiligen Ausstellung und ihres Standortes entstehen. Die "städtebauliche" Herausforderung bestand unter anderem darin, dass der Raum zu Gast auf dem Schulhof war und eine Beziehung zum Schulgebäude eingehen sollte. Zugleich aber musste er unabhängig sein, um in symbolischer, funktionaler und sozialer Hinsicht ein neues Raumangebot zu eröffnen.

Kartierungen
Die Lage der Container auf den Schulhöfen schuf neue räumliche Konstellationen. Die gestalterische Leistung bestand darin, die an sich banalen Behälter in ein spannungsvolles Zusammenspiel untereinander und mit der Umgebung zu bringen. Dabei wurden vorhandene Elemente wie Tischtennisplatten, Sitzbänke, Leuchten und Bäume als Bestandteile des neuen Settings einbezogen. Die versetze Anordnung der Container offerierte nutzbare Außenräume und eine Rundlaufmöglichkeit im Inneren.
Das Verständnis für den Ort wurde bei den Schülern mittels Kartierungen, Vermessungen und durch das Fotografieren geweckt. Diese Ortskunde wird in der Architektur im übertragenen Sinn als "Lektüre des Ortes" bezeichnet. Die Positionierung der Containergruppen, die mit jeweils eigenen räumlichen Referenzen und Anspielungen erfolgte, ermöglichte es, die Schulhöfe neu zu "lesen".

Festapparate
Die temporäre Architektur des Containers entsprach ihrer zeitlich begrenzten Nutzung. Sie bildete ein Ereignis oder ein "Momentanes Monument"(1). Darin spiegelte sich ein Grundverständnis der Architektur als Festarchitektur, das auf eine lange Tradition zurückgeht. "Der Festapparatus, das improvisierte Gerüst (…) ist das Motiv des bleibenden Denkmals, welches den feierlichen Akt und das Ereignis, das in ihm gefestet ward, den kommenden Generationen fortverkünden soll."(2)
Die temporären Ausstellungsräume ziehen ihr Potenzial aus ihrem kurzen Dasein, ihrer Vergänglichkeit, ganz im Sinne Bertolt Brechts: "Der Wunsch, Werke von langer Dauer zu machen ist nicht immer zu begrüßen. (…) Warum soll jeder Wind ewig dauern?"(3)

Fliegende Bauten
Als Kleinbauten stehen die Container in unserer Verwendung in der Tradition der Pavillons, die als Lusthäuschen in aristokratischen Gärten genutzt wurden und im asiatischen Raum als Tempel oder als Musikpavillon für den bürgerlichen Freizeitgenuss auch heute noch genutzt werden. Ihr Zweck gründet in der oft sehr romantischen Vorstellung des Aufgehobenseins in einer zumeist kultivierten Landschaft.
Darüber hinaus wird der temporäre Charakter der Pavillons bereits durch ihre etymologische Abstammung unterstrichen: Als Papillon (4) ist ihre Lage prekär, ihre Form nur momentan aktuell. In jedem Moment könnten sie, Schmetterlingen gleich, weiterfliegen, genauso wie die Baucontainer ihre Reise von einem Schulhof zum nächsten angetreten haben. Die Bauordnung erfasst diesen Zusammenhang im kuriosen Begriff der "Fliegenden Bauten".

Dekorationen des Augenblicks 
Es sind vor allem die Hüllen, die in Abstimmung auf die jeweiligen Ausstellungsthemen des Projektes "White Cube/Black Box" angepasst wurden. Ganz im Sinne von Jacob Burckhardts (5) Diktum über die Festarchitektur der italienische Renaissance als "Dekoration des Augenblicks": Beim Thema "Luxus" wurden die Container mit einer opulenten Foyerauskleidung im Inneren versehen, für "Zukunft 2050" entstand außen eine Containerverkleidung in Form eines Raumschiffs. Anlässlich der Ausstellung "Recycling" diente das am neuen Vitzthum-Gymnasium verwendete Krakelmotiv als Vorlage für die Gestaltung des Containers. An der Schule sollte es auf die Glasflächen aufmerksam machen, am Container markierte es die Zugehörigkeit zum Campus. Eine um die Container laufende orange Wäscheleine übersetzte das grafische Motiv in eine dreidimensionale Schlangenlinie. Zur Rückseite der Container hin nahm sie die Geste eines Gartenzaunes an, im Eingangsbereich flocht sie sich ohne Unterbrechung in die Oberfläche einer geschwungenen Sitzbank ein, deren Beine von ausrangierten Schulstühlen stammten.
Auch die innere Ausstellungsarchitektur wurde themenspezifisch entworfen. Für mehrteilige Exponate entstanden, zusammen mit den Kunstgruppen, Displays als integraler Bestandteil des Kunstwerkes. Auch die Arbeiten der Grafikgruppe waren jeweils als künstlerische Position präsent. Die drei Ausstellungen integrierten auf selbstverständlichste Art und Weise unterschiedliche Medien, sodass sich Raum- und Zeitkunst mischten und in einer spannungsvollen Folge erfahren werden konnten.

Parcours
Die Besucherführung hat in der architektonischen Umsetzung eines Ausstellungsraumes einen besonderen Stellenwert. Die Möglichkeit zu einem Rundlauf, einem Parcours, hat unter anderem den Ausschlag für die jeweilige Aufstellung und Kopplung der drei Container gegeben. Drei unterschiedliche Varianten eines Parcours führten Besucher/innen durch die Ausstellungen: Einmal ein richtungsloser Rundlauf in Raumfolgen, einmal die lineare Abfolge von Räumen und einmal der Rundgang im offenen Raum.
Die Ausstellung "Luxus" entwickelte sich, von einem Eingangsraum als Schleuse ausgehend, als klassischer Rundlauf ohne vorgegebene Richtung.
Für "Zukunft 2050" ergab sich eine linear aufgebaute, narrative Abfolge von Ausstellungsbeiträgen und entsprechenden Räumen. Nach der Begegnung mit dem "Raumschiffkleid" als zweiter Hülle des Containers führte der Parcours vom Hellen ins Dunkle, durch die in zylindrischen Displays angebrachten Beiträge der Comic-Gruppe zur Videoinstallation in der Black Box.
Das Ausstellungsthema "Recycling" bot für die Gestaltung des Container-Inneren den Verweis auf Kreisläufe an. Dieser Parcours führte durch die drei Container, die zu einem großen Ausstellungsraum zusammengestellt waren, eine einzige Trennwand in der Mitte bildete ihr Zentrum. 

Arbeiten in Prozessen
Das Vertrauen auf eine kollektive Intelligenz ist Motor dieses Projektes mit seinen vielen Beteiligten. Die Projektstruktur, in der Plenumsentscheidungen maßgeblich und in der zugleich eine Vielzahl individueller Autorschaften von Bedeutung sind und sichtbar bleiben, ist der Arbeitsweise im Architekturbereich nicht fremd. Die wichtigste Erkenntnis eines ergebnisoffenen Gestaltungsprozesses ist, dass die demokratischen Strukturen, die zur Entscheidung für oder gegen eine Entwurfsvariante führen, kein kompromisslerisches Verwischen nahelegen. Nicht das Anhäufen von Varianten, sondern eine starke Entscheidung ist das Ziel, das für eine positive Ausstrahlung sorgt.

Soziales Ereignis
Die drei Positionen des Projektes und die dazugehörigen Ausstellungen sind weitaus mehr als die Summe ihrer Themen oder Exponate. Sie stellen den glücklichen Ausgang eines Verfahrens dar, durch den drei Räume produziert und schließlich gewinnend genutzt wurden. Es ist ein Arbeiten mit Vielen. Es ist aber auch eine für die Architektur meist ungewöhnliche Arbeit mit der Zeit, nämlich eine des kontinuierlichen Entwerfens, Bauens und Nutzens, die mit jedem Standort von Neuem begann. Dieser Umstand ist zentral, nicht nur, weil Prozeduren wichtiger werden als Objekte, sondern vor allem, weil erst der zeitlich erfahrbare Raum zu einem Begriff von Bauen führt, der die Disziplin nicht isoliert von der Raumnutzung sieht, sondern auf die Beziehungen innerhalb eines gesellschaftlichen Feldes baut.

Integration des Außen
Brian OʼDoherty, auf dessen nachdenkliche Thesen zum "White Cube" das Projekt namentlich Bezug nimmt, beschreibt den idealen Präsentationsraum der Kunst als "schattenlos, weiß, clean und künstlich"(6).
Inspiriert durch die Frage nach dem idealen Raum, aber nicht mit dem Ziel der Abschottung, ging es im Projekt "White Cube/Black Box" um eine Integration der Außenwelt, in diesem Fall des architektonischen, wie auch des sozialen Settings der Schule.
Im Anliegen zu diesem Projekt, die Schwellen zur Kunst und ihrem Genuss quasi zum Verschwinden zu bringen, trafen sich die Motive des Kunsthauses und die der Architekten. Dieses reflektierte Selbstverständnis einer Kunst, die weniger einen Sockel, als einen offenen Raum braucht, soll auch in zukünftigen Folgen des Projektes die Grundlage bilden und den Schmetterlingen Flügel verleihen.


(1) Kühn Malvezzi mit Roland Züger, Momentary Monuments, in: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell (Hg.) Kühn Malvezzi, Ausstellungskatalog der Galerie Aedes, Berlin 2005, unpaginiert.
(2) Gottfried Semper, Der Stil, Band 1, S. 215, zitiert nach Fritz Neumeyer, Festlichkeit und Festigkeit, Ein Vorwort, in: Josef Imorde, Fritz Neumeyer, Tristan Weddingen, Barocke Inszenierung, Akten des Internationalen Forschungskolloquiums an der TU Berlin, 20.-22. Juni 1996, Emsdetten/Zürich 1999, S. 8.
3) Bertolt Brecht, Über die Bauart langdauernder Werke (1932), in: Gesammelte Werke (Werkausgabe), Frankfurt/M. 1967, Bd. 8, S. 389 f.
(4)  Im französischen Begriff für Schmetterling Papillon liegt die Verwandtschaft zum temporären Gebäudetyp Pavillon auf der Hand. Die Transformation der Form, von der Raupe, über den Kokon, zum Schmetterling ist eine weitere Referenz, die in der Arbeit mit den Containern gebräuchlich war.
(5) Burckhardts Betonung der Festdekoration liest sich heute wie eine Reflexion über die Beziehung von Gesellschaftsform und architektonischem Ausdruck, wie wir sie erst wieder bei den Situationisten erkennen. Vgl. Jacob Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien, Basel 1860.
(6) Brian OʼDoherty, In der weißen Zelle, Inside the White Cube, Hg. von Wolfgang Kemp, Berlin 1996 (Original: San Francisco 1986), S. 10.

Zeitraum: 01.11.2008 – 08.07.2011
Team: Roland Züger, Schülerinnen und Schüler des Projektes, David Brandt (Bilder)

Originaltext:
Roland Züger, Fliegende Bauten, Displays und Verhandlungen, in: Kunsthaus Dresden/ Kunst im Container Gegenwartskunst in der Schule: Luxus/Zukunft 2010/Recycling, White Cube – Black Box, Dresden 2011, S. 54-56