Kessel und Züger Architekten

  • Bahnhof<br>Schönberg, 1927<br>Adolf Rading Bahnhof
    Schönberg, 1927
    Adolf Rading
  • Jugendheim<br>Gleiwitz, 1930<br>Unbekannt Jugendheim
    Gleiwitz, 1930
    Unbekannt
  • Seidenhaus Weichmann<br>Gleiwitz, 1921-22<br>Erich Mendelsohn Seidenhaus Weichmann
    Gleiwitz, 1921-22
    Erich Mendelsohn
  • Handwerkskammer<br>Oppeln, 1927-30<br>Unbekannt Handwerkskammer
    Oppeln, 1927-30
    Unbekannt
  • Hochhaus<br>Königshütte, 1936<br>Stanislaw Tabenski Hochhaus
    Königshütte, 1936
    Stanislaw Tabenski
  • Kirche St. Josef<br>Hindenburg, 1930-31<br>Domenikus Böhm Kirche St. Josef
    Hindenburg, 1930-31
    Domenikus Böhm

Schlesische Moderne

Publikation

Auf zahlreichen Reisen nach Polen, in das Gebiet des ehemaligen Schlesiens, haben Niclas Förster und Roland Züger unbekannte Architekturzeugen der Moderne dokumentiert und im Rahmen einer Gastredaktion in der Architekturzeitschrift Bauwelt Nr. 16/2009 mit Beiträgen aus polnischer sowie deutscher Sicht erstmals veröffentlicht. Interessanter Kern davon: Ein Architekturführer mit 26 Reisezielen in 14 Städten und Dörfern.

Schlesien bietet auch Architekturtouristen Reiseziele. Die Abspaltung des östlichen Teils von Oberschlesien im Jahr 1922 bescherte dem industriellen Kern der Region eine Entwicklung, die sich heute als Bestandteil der deutschen wie der polnischen Moderne lesen lässt. Insbesondere die Breslauer Kunstakademie mit ihrem Direktor Hans Poelzig (1903-16), ihren Lehrern Hans Scharoun, Adolf Rading und August Endell prägte eine junge Generation von Architekten, die u.a. in Schlesien aktiv waren. Die Abgänger dieser legendären Schule, von Hartmut Frank als „Bauhaus vor dem Bauhaus“ (Bauwelt 417/1983) bezeichnet, wollten sich auch in den Provinzen Schlesiens ausprobieren. Von Breslau aus leitete zudem Ernst May als Direktor der Schlesischen Heimstätte die Errichtung etlicher Siedlungen, verteilt in ganz Schlesien.

Wie haben die Bauten den letzten Krieg und die Jahre unter kommunistischer Führung überstanden?

Wie in Breslau waren die vorgefundenen Bauten in Nieder- und Oberschlesien oft in ursprünglichen, wenn auch gealtertem Zustand und in alter Nutzung anzutreffen. Als Beispiel seien hier die Industriebauten der „Annagrube“ von Poelzig erwähnt. Ausgeführt in robustem Ziegel haben sie den jahrzehntelangen Schliff bis heute gut überstanden. Bei einigen Projekten stehen derzeit große Veränderungen an, die auf einen sensiblen Umgang mit der Substanz hoffen lassen.

Neben der unverzichtbaren Auswahl architekturgeschichtlicher Ikonen, gibt es eine Vielzahl an unbekannten Bauten, die es heute wieder zu entdecken gilt. Spürnasen und Spezialisten werden im unlängst publizierten deutsch-polnischen „Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen: Schlesien“ weitere Informationen, auch über andere Epochen und Orte finden.

Der kleine Reiseführer in diesem Heft kann als Anregung verstanden werden, die nächste Reise zu Deutschlands östlichem Nachbarn zu unternehmen und die hier ausgewählten Bauten selbst zu besuchen. Das in diesem Jahr fertig zu stellende Teilstück der Autobahn A4 (Dresden – Breslau – Krakau) ermöglicht eine schnellere Verbindung als bisher.

Oberschlesien wurde 1921 in einen deutschen Teil im Westen und einen polnischen im Osten geteilt. Das große Industrierevier von der Ausdehnung des Ruhrgebiets, wurde als einheitlicher Wirtschaftsraum auseinander gerissen, soziale und kulturelle Verbindungen gekappt. Diese Entwicklung ist für das Verständnis der modernen Architekturentwicklung in Schlesien entscheidend. Die Städte Beuthen (Bytom), Gleiwitz (Gliwice) und Hindenburg (Zabrze) verloren ihr Hinterland und waren fortan Grenzstädte. Kattowitz (Katowice) wurde die Hauptstadt des polnischen Teils. Im deutschen Teil von Schlesien wurde Oppeln (Opole) zum Sitz der neuen Provinz. Die deutsch-polnische Rivalität dieser Zeit schlug sich auch in der Architektur nieder: Beiderseits wurden Landesmuseen geplant – in Beuthen, wie auch in Kattowitz. Letzteres wurde allerdings vor der Eröffnung von den Nazis abgerissen. Geschichte und Architektur sind von beiden Seiten für politische Zwecke instrumentalisiert worden.

Die politischen Wechsel sind steter Begleiter der Schlesischen Geschichte. Bereits 1986 konstatierte der Historiker und Publizist Karl Schlögel, dass die Mitte Europas ostwärts läge. Er hat dadurch eine neue Blickrichtung vorhergesehen. Die glückliche Öffnung des Horizonts Richtung Osten bestätigte diese Sichtweise. Gleichzeitig treffen die Jubiläumsfeiern zu 1989 auf das mahnende Gedenken des Einmarschs der Deutschen Wehrmacht in Polen 1939. Der Warschauer Historiker Stefan Meller – unter den Kaczynski-Brüdern 2005 Außenminister – betont in Bezug auf das dunkelste Kapitel der Polnisch-Deutschen Beziehung, dass Polen immer noch ein wundes Land, eine wunde Gesellschaft sei. (Neue Zürcher Zeitung 27.08.2007)

Neben dem nicht selten schwierigen politischen Miteinander ist seit den achtziger Jahren ein stetig ansteigendes Interesse an der Kulturgeschichte Schlesiens im Allgemeinen und an ihrer Modernen Architektur im Besonderen auszumachen. Darin liegt das Fundament einer Wiederentdeckung des gemeinsamen kulturellen Erbes Deutschlands und Polens. Die Recherche umkreist eine Kulturlandschaft zwischen Ost und West, mit einer wechselvollen Geschichte im Kontext preußisch-deutscher, habsburgisch-österreichisch, böhmischer oder polnischer Zugehörigkeit.

Zeitraum: 01.05.2006 – 30.05.2010
Team: Roland Züger, Niclas Förster (Fotos)

Literatur:
Konstanze Beelitz, Niclas Förster (Hg.) Breslau / Wroclaw – Die Architektur der Moderne, Wasmuth Verlag Tübingen sowie Via Nova Wroclaw 2006
Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen: Schlesien

Publikationen:
Bauwelt 16.2009: Schlesische Moderne, Niclas Förster, Roland Züger