Kessel und Züger Architekten

  • Tannenwäldchen zur Tarnung<br>Bild: Christian Schwager Tannenwäldchen zur Tarnung
    Bild: Christian Schwager
  • Ennetberge: falscher Stall<br>Bild: Alessandro Mattle Ennetberge: falscher Stall
    Bild: Alessandro Mattle
  • Ennetberge: falsches Tor<br>Bild: Alessandro Mattle Ennetberge: falsches Tor
    Bild: Alessandro Mattle
  • Sperrstelle Näfels: Unterkünfte<br>Bild: Alessandro Mattle Sperrstelle Näfels: Unterkünfte
    Bild: Alessandro Mattle
  • Sperrstelle Näfels: Stollengang<br>Bild: Alessandro Mattle Sperrstelle Näfels: Stollengang
    Bild: Alessandro Mattle
  • Sperrstelle Näfels: falscher Felsen<br>Bild: Alessandro Mattle Sperrstelle Näfels: falscher Felsen
    Bild: Alessandro Mattle

Bunkerwelten

Entwurfsklasse

Auf der Grundlage von Recherchen zur Architekturtheorie von Bunkern sind zwei Kurse für Studierende der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur entstanden. Zusammen mit Architekturstudierenden wurde das architektonische Potential ausgedienter Bunkeranlagen erkundet: An der Sperrstelle in Näfels/Mollis sowie bei den „Falschen Chalets“ in Ennetberge im Herbstsemester 2007/08 sowie am Bunkergürtel um Kreuzlingen im Frühlingssemester 2009. Die Erforschung der Logiken der Raumpolitik und das Wissen um die geografisch-räumliche Verteilung dieser Räume offenbart paradigmatisch das Vokabular des städtebaulich-raumplanerischen Denkens.

Das Rechercheprojekt Bunkerwelten untersucht Potentiale und Möglichkeiten im Umgang mit ausgedienten Bunkeranlagen. Diese Baukategorie der sogenannten Kampf- und Führungsbauten umfasst die grossen Festungen der Artillerie, kleinere Infanteriebunker und Truppenunterstände, diverse Geländehindernisse (Toblerone, Wassergräben, etc.) sowie zahlreiche vorbereitete Sprengobjekte. In den gut 100 Jahren des so genannten „modernen“ Festungsbaus zwischen 1885 und 1998 entstand in der Schweiz - je nach Quelle - die stattliche Anzahl von zirka 20 bis 35.000 Objekten (1) in dieser Kategorie zugeordnet werden. Das entspricht einem geschätzten Investitionsvolumen von rund zehn Milliarden Schweizer Franken. Die Hochblüte der Festungsbautätigkeit ist in den 1940er Jahren des letzten Jahrhunderts auszumachen. Mit dem Konzept des „Reduit National“ als befestigter Rückzugsraum der Schweiz in den Alpen während dem zweiten Weltkrieg, wurden die baulichen Anstrengungen insbesondere ab 1941 intensiviert. Allein rund 900 Millionen Schweizer Franken (2) sollen während dieser Periode verbaut worden sein. Mit dem Fall des eisernen Vorhangs und dem damit verbundenen Wegfall des „Feindbildes Ost“ erfolgte ein Paradigmenwechsel in der Schweizerischen Landesverteidigung. Dadurch wurden viele Befestigungsbauten obsolet. Mit der Armeereform 95 entschied das VBS (3), sich vom Grossteil seiner Kampf- und Führungsbauten zu trennen.

Ein immenses Raumangebot wurde zur Brache erklärt, welches nach militärstrategischen Parametern und unter Ausschluss der Öffentlichkeit entstand. Diese Raumreserve stellt gewissermassen eine Parallelwelt zur zivilen Besiedelung mit ihren Infrastrukturen dar. Es ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Jahren dieser Bestand an unterirdischen Brachen nochmals kräftig anwachsen wird, wenn neben der Kampfinfrastruktur auch noch die logistische Infrastruktur zur Disposition steht. Diverse unterirdische Lager- und Tankanlagen, Werkstätten oder Infrastrukturbauten harren, schon heute weitgehend ungenutzt, bis sie deklassiert werden, was gegenwärtig aus Sicherheitsgründen noch nicht möglich ist (4).

Aura des Geheimen
Zur Zeit befinden sich ca. 10.000 Objekte der Kategorie Kampf- und Führungsbauten (5) im Dispositionsbestand der armasuisse (6). Dadurch stehen sie zum Verkauf, wobei einige davon dem Denkmalschutz unterliegen. Werden die Anlagen nicht verkauft und einer neuen Nutzung zugeführt, müssen sie stillgelegt werden. Das heisst, sämtliche Ausbauten werden entfernt und die Anlagen nur noch minimal gewartet. Trotz dieser Minimierung des Aufwandes, stellt der Unterhalt stillgelegter Anlagen eine erhebliche finanzielle Last dar. Aus diesem Grund ist die Schweizer Eidgenossenschaft als Eigentümerin sehr daran interessiert, die Anlagen zu verkaufen. Dies ist allerdings mit Problemen verbunden und stellt eine grosse planerische Herausforderung dar. Ungefähr 90 % der Anlagen befinden sich nicht in einer Bauzone oder sind teilweise nur im Baurecht auf privatem Boden errichtet und sind oft auch ungenügend erschlossen, was eine zivile Folgenutzung aus baurechtlichen Gründen erheblich erschwert. Zudem kann der Bund als Verkäufer keinen Einfluss auf die Bewilligungsverfahren für neue Nutzungen ausüben, da diese den kantonalen Behörden unterstehen. In der föderalistisch organisierten Schweiz bedeutet dies unterschiedliche Handhabungen in den Kantonen. Grundsätzlich handeln die Kantone aber eher restriktiv. Ein Objekt kann aber erst verkauft werden, wenn eine Nutzungsbewilligung vorliegt. Obwohl der Bund grosses Interesse zeigt, die Anlagen zu verkaufen und es an Interessenten für solche Objekte offenbar nicht mangelt, hält sich die armasuisse bezüglich der Vermarktung relativ bedeckt, was dazu führt, dass die entsprechenden Informationen von Privaten kaum einsehbar sind. Einerseits sind diese Anlagen immer noch von einer Aura des Geheimen umgeben. Andererseits will die armasuisse angesichts der komplizierten Bewilligungsprozesse nicht allzu viel Aufsehen mit diesen Anlagen erregen. Die meisten Käufer sind ohnehin die Standort-Kantone oder –Gemeinden, die ein Vorkaufsrecht geniessen.

Rare Umnutzungen
So sind in der Schweiz auch nur wenige Beispiele von Umnutzungen zu verzeichnen, die über das Bunkermuseum hinausgehen, was die häufigste Folgenutzung - insbesondere von grösseren Anlagen - darstellt (7). Die meisten diese Bunkeranlagen, die zur Besichtigung offen stehen, werden von privaten Trägerschaften unter enormem Einsatz meist unentgeltlich bewirtschaftet. Diese rege Musealisierung ist eng mit jenen Generationen verbunden, die einen persönlichen Bezug zu diesen Anlagen und der damit verbundenen Verteidigungsstrategie haben wie die Aktivdienst-Generation (8). Somit sind das Interesse und damit auch die Anzahl dieser Museumsbunker stark mit diesen schon in die Jahre gekommenen Generationen verbunden. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass sich die Anzahl solcher Museen in den nächsten Jahren stark reduzieren wird. Neben dem Bunkermuseum sind weitere Kategorien zu nennen: Die Nutzung im privaten Sicherheitsbereich als Datenlager; der landwirtschaftliche Gebrauch als Lagerräume; der Erhalt von ökologisch wertvollen Anlagen als Schutzzonen für Flora und Fauna, meist bei Panzerhindernissen. Als seltene und mutige Nutzung soll hier auf das Seminarhotel La Claustra (9) im Artilleriewerk San Carlo auf dem Gotthardpass hingewiesen werden, sowie die Umnutzung des Gegenwerks Sasso da Pigna zu einem Themenpark (10).

Kritische Auseinandersetzung
Gegenüber zivilen Bauten bilden die Bunkerwelten eine gänzlich anderen Parametern folgende und unter Ausschluss der Öffentlichkeit über Jahrzehnte gewachsene Infrastruktur, die das schweizerische Territorium durchzieht: eine unsichtbare, respektive getarnte Stadt. Sie steht zeichenhaft und mythisch für das Selbstverständnis eines souveränen Staates. In dieser Rolle zeugen die Anlagen von historischer, musealer bis vielleicht hin zu identifikationsstiftender und neuerdings auch von touristischer Qualität. In der Beschäftigung mit dem Thema wird schnell klar, dass die Mythenbildung nicht nur aufgrund der Geheimhaltung entstanden, sondern vielmehr eine Folge der geistigen Landesverteidigung - sprich dem Bild des unbesiegbaren Reduits - ist. Der Mythos der Bunkerschweiz erzählt über die geistige Befindlichkeit einer um Neutralität und Souveränität bemühten Nation während des zweiten Welt- und des Kalten Krieges. Befeuert durch die Einführung der Schutzraumbaupflicht (11) wog man sich vor potentiellen Gefahren, insbesondere einer atomaren Bedrohung in Sicherheit. Vor diesem Hintergrund und ergänzt um die Tatsache, dass die Schweiz vor einer ernsthaften Prüfung verschont blieb, erklärt sich auch der Umstand, dass die Bunkeranlagen von der Bevölkerung weitgehend positiv wahrgenommen werden.

Im Gegensatz zu Ländern, in denen die Wahrnehmung von Bunkern durch Kriegserfahrungen geprägt ist, scheint die Schweizer Wertschätzung dieser Anlagen als Kulturerbe ohne umfassende und kritische Auseinandersetzung. So sind in den letzten Jahren die Kampf- und Führungsbauten hinsichtlich denkmalpflegerischer Aspekte inventarisiert worden (12). Ebenso konnten sich die Bunker in der Schweiz in den vergangen Jahren über eine breite künstlerische und journalistische Aufmerksamkeit freuen. Das Projekt Bunkerwelten will diese Betrachtungen um die städtebaulich-räumliche Diskussion ergänzen. Die Erforschung der Logiken der Raumpolitik und das Wissen um die geografisch-räumliche Verteilung dieser Anlagen offenbart paradigmatisch das Vokabular des städtebaulich-raumplanerischen Denkens. Im Weiteren eröffnet sich ein breites Spektrum an Themen wie Tarnung und Unsichtbarkeit, Befestigungskontinuität und Repräsentation, die Höhle als autarkes System, die Materialsymbolik der Schwere und Wehrhaftigkeit, die den zeitgenössischen Diskurs in Architektur und Städtebau bereichern können.

www.bunkerwelten.ch

(1) Anzahl von ca. 20.000 Objekten laut Peter Stamm, Abschied vom Réduit: Der lange Marsch, in: Carmine Giovanni, Hug Catherine; Bunker: Unloaded, Luzern/Poschiavo 2003, S. 76; Maurus Gamper spricht von ca. 35.000 Objekten, in: Maurus Gamper; Auswirkung und Akzeptanz der Auflösung militärischer Anlagen; Bachelorarbeit Militärgeschichte MILAK/ETHZ; Adliswil 2006
(2) Peter Stamm, S. 76
(3) Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport
(4) Lukas Schmid im Gespräch mit Dieter Juchli, Leiter Fachbereich Management Dispositionsbestand bei der armasuisse vom 19.02.2007
(5) ebd.
(6) armasuisse ist das Beschaffungs- und Technologiezentrum des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport
(7) „FORT – CH/Festungen – Schweiz“ ist der nationale Dachverband der zivilen Festungsorganisationen, siehe www.fort.ch
(8) Der Aktivdienst bezeichnet die Zeit des zweiten Weltkriegs. WK-Generation meint jene Schweizer, die ihren Militärdienst in der Festungsartillerie geleistet haben und somit einige Zeit in diesen Anlagen verbracht haben.
(9) Aus wirtschaftlichen Gründen musste das Bunkerhotel bereits im Oktober 2010 seinen Betrieb einstellen: www.claustra.ch
(10) Am 25. August 2012 wurde der Themenpark am Gotthard, gestaltet von Holzer Kobler Architekten eröffnet: www.sasso-sangottardo.ch
(11) Die Schweiz galt in den 70er und 80er Jahren als beispielhaft hinsichtlich des Themas Zivilschutz. Siehe dazu: Kreuzer, Konradin; Die Bunkerschweiz; in: Arch+ 71, 1983, S.26 ff.
(12) Siehe dazu das Denkmalpflegerische Inventar der Kampf- und Führungsbauten, publiziert in den Broschüren der armastuisse durch Silvio Keller und Maurice Lovisa 1998-2006.

Zeitraum: 01.03.2007 – 01.10.2010
Team: Roland Züger, Lukas Schmid

Literatur:

Giovanni Carmine; Catherine Hug, Bunker: Unloaded, Edizioni Periferia, Luzern/Poschiavo 2003

Leo Fabrizio, Bunkers, Infolio Editions, Gollion 2004

Alexander Kluge, Bauen für den Krieg, in: Arch+, 71/1983, S. 50ff.
Maurice Lovisa, Von Bunkern, Forts und Tobleronen - Der Festungsbau in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert, in: archithese 5/1999, S. 34ff.
Christian Schwager, Falsche Chalets, Edition Patrick Frey, Zürich 2004

Peter Stamm, Abschied vom Reduit, Der lange Marsch, in: Das Magazin 44/1998
Paul Virillio, Bunkerarchäologie, Carl Hanser Verlag, München 1992

Publikation:
«Ihre skulpturale Kraft steht ausser Frage», Interview mit Lukas Schmid und Roland Züger von Philippe Zweifel, in: Tages-Anzeiger online: 28.11.2013