Kessel und Züger Architekten

  • Vieleck Vieleck
  • Topografische Konturen Topografische Konturen
  • Perspektivische Räume Perspektivische Räume
  • Massiges Körperspiel Massiges Körperspiel
  • Wirkmächtige Kristallisierungen Wirkmächtige Kristallisierungen

Swiss Shapes

Ausstellung / Publikation

In der zeitgenössischen Schweizer Architekturproduktion ist eine Tendenz zu mehr-eckigen Grundrissen auszumachen. Sie stellen nach der „Swiss Box” ein neues architektonisches Paradigma dar. Ein theoretisches Fundament dafür ist noch nicht formuliert. Einige Vermutungen sollen wesentliche Aspekte der neuen Entwicklungsrichtung erhellen, die im Besonderen auf einer neuen Wahrnehmung von Raum basieren. Environments und Kontexte. Die Hauptmotivation für die polygonalen Formen liegt sicherlich im wieder erwachten Interesse am Raum und seiner Erforschung: weg von den elaborierten Oberflächen, hin zur räumlichen Aktivierung und Aneignung. Diese Entwicklung birgt eine Abkehr von der Objektfixierung und Hinwendung zur environmentalen Erfahrung von architektonischen Kontexten in ihren mannigfaltigen Bezügen. Topografische Konturen. Die landschaftlichen Eigenheiten des Schweizerischen Territoriums schaffen eine Sensibilität für die Lage der Architektur in diesem Umfeld. Die zumeist hügligen Landstriche lassen die Dachflächen (1) und damit die gesamte Volumetrie in der gebauten Landschaft stärker hervortreten. Die erhöhte Aufmerksamkeit für die Terrainkonturen korrespondiert mit dem Bewusstsein für die formbildenden Kanten, für die topografische Silhouette der Gebäude, für die situative Manipulation und Überhöhung der Knicke.

Pittoreskes Gewächs
An die Konfrontation mit der Landschaft knüpft das Bestreben nach einer gewachsenen Verbindung mit dem Ort an. Die vorgestellten Projekte erinnern in ihren Formen an die Selbstverständlichkeit von windschiefen Altstadtzeilen. Die neuen Gebäude scheinen immer schon bestanden zu haben, werden unhinterfragt akzeptiert, wirken intensionslos, gewachsen – pittoresk. Knicke haben „etwas eigentlich Unakademisches” (2).

Analoge Akademie
Eine ganze Studentengeneration des Lehrstuhls Fabio Reinhart mit seinem Assistenten Miroslav Šik prägt heute die Schweizer Architekturszene (3). Die Bedeutung der Erinnerung in Aldo Rossis „città analoga” wurde um die atmosphärische Dimension zu einer „Analogen Architektur” erweitert. In ihrer ambientalen Qualität entsprechen die Projekte in Ausstellung und Katalog den bekannten stimmungsgeladenen, handkolorierten Perspektiven des Studiums. Das sensible Gespür für den vorgefundenen Kontext, ein geschärftes Auge für Populäres und Banales sowie der systematische Einsatz von bildlichen Referenzen sind die Früchte dieser Entwicklung.

Perspektivische Räume
Untersucht man die schiefwinkligen Grundrisse auf dem Hintergrund der kunstgeschichtlichen Tradition sind seit der Erfindung der Perspektive Vorläufer auszumachen. Heute gilt es an die Erkenntnisse über den konisch gebauten Raum – wie im Palazzo Spada in Rom von Francesco Borromini – anzuknüpfen. Gerade der Barock und seine „Sucht, alle Räume ins Unabsehbare zu erweitern” (4) und die „architettura obliqua” (5) als schräge oder verzerrte Architektur, sind für viele Werke einer jungen schweizerischen Architekengeneration maßgebend. In der Welt des Sichtbaren existiert keine Orthogonalität mehr (6).

8+n
Durch die Einführung von „n” Knicken in der Fassade mutieren die „8” eckigen Gebäude „Swiss Box” zu „8+n” eckigen Körpern „Swiss Shapes”. Setzung und Überprüfung der Knicke erfordern eine empirische Arbeitsweise. Eine permanente Verifikation der unterschiedlichen Ansichtsseiten von verschiedenen Standpunkten aus, ermöglicht annähernd eine Kontrolle der räumlichen Wirkung.

Massiges Körperspiel
Eine direkte Auswirkung der Knicke ist die überproportionale Vergrößerung des Volumens zum Grundriss des Baukörpers. Gleichzeitig fällt eine optische „Diskrepanz zwischen Masse und Volumen” (7) ins Auge. Die Auffaltungen verstärken die körperhafte Wirkung. Sie strahlen über sich hinaus. Diese Tendenz geht einher mit dem entwerferischen Interesse an einer monolithischen Erscheinung. Die erratischen Brocken scheinen unverrückbar und manifestieren die Wichtigkeit der Wirkungsästhetik.

Wirkmächtige Kristallisierungen
Die einprägsame Bildhaftigkeit und Plastizität, das meist Charakterstarke und oft Feierliche zeigt sich in vielen der hier vorgestellten Projekte. Hierin unterscheiden sie sich nicht vom Expressionismus (8) eines Hans Poelzig oder eines Hans Scharoun. Sind die „Swiss Shapes” also eine gebaute „Alpine Architektur”? Keine esoterischen oder naturwissenschaftlichen Begründungen machen die Runde, im Gegenteil: Pragmatismus allenthalben. Manche sprechen bereits von einer Befreiung bei der „Abkehr vom rechten Winkel” (9).

(1) Dächer, werk, bauen + wohnen, Nr. 4, Zürich 2006
(2) Valerio Olgiati, Gespräch mit T. Joanelly, in: Tec 21, Nr. 6/2000, S. 10
(3) A. Deplazes, A. Hagmann, C. Kerez, Q. Miller und P. Maranta, V. Olgiati und C. Clavuot waren 1983–1991 an der ETH am Lehrstuhl Reinhart. Vgl. A. Bodammer, R. Züger. Analoge Architektur. Bauwelt 32/2004
(4) Heinrich Wölfflin, Renaissance und Barock, Leipzig 1986, S. 146
(5) In Juan Caramuel de Lobkowitz' „architectura civil recta y obliqua” (1678) findet auch der Palazzo Spada Erwähnung. Vgl. C. L. Frommel, Architectura obliqua, in: R. Bösel, C. L. Frommel, Borromini Architekt im barocken Rom, Mailand 2000, S. 534–536
(6) Rudolf Arnheim, Kunst und Sehen, Berlin/New York 2000
(7) Ákos Moravánszky über das Haus Willimann von Bearth & Deplazes. In: Bearth & Deplazes. Konstukte/Constructs, Luzern 2005, S. 106
(8) Wolfgang Pehnt. Die Architektur des Expressionismus. Stuttgart 1973
(9) Meinrad Morger und Markus Peter über den „Befreiungsschlag vom Doktrinären der Orthogonalität”, in: Brigitte Selden. Die Abkehr vom rechten Winkel, in: Hochparterre 3/2004, S. 50–52

Zeitraum: 01.10.2005 – 01.06.2006
Team: Florian Kessel, Roland Züger

Katalog:
Swiss Shapes, Aedes Berlin 2006, Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell (Hrsg.)
ISBN 3-937093-70-2

Publikationen:
Bauwelt 34.2006: Swiss Shapes, Brigitte Schultz
Hochparterre 09.2006: Schweizer Knicke in Berlin
La Vanguardia 27.02.2008: Topografías de los Alpes, Seite 22-23, Marta Rodríguez Bosch
Neue Zürcher Zeitung 28.11.2007: Geknickt in Barcelona, Markus Jakob
Architekturdialoge, Niggli Verlag, Sulgen 2011, Seite 108, Jørg Himmelreich